Rosinenpickerei und Rituale:

Ein Plädoyer von der klaren Linie abzuweichen.

Man hört es immer wieder „dann darfst du aber auch nicht mehr...“, „dann musst du aber auch...“ oder „wie inkonsequent“. Sich für oder gegen eine bestimmte Sache zu entscheiden ist für gewöhnlich mit einem Rattenschwanz an weiteren Konsequenzen verbunden. Eine klare Linie gilt gerade in unserer Gesellschaft als erstrebenswert. Aber warum ist das so? Was macht Rosinenpickerei so unbeliebt und warum darf ich mir keine eigenen Rituale zurechtbasteln?

Ich weiß es nicht. So einfach ist das schon. Wenn wir uns Dingen widmen, einfach weil „es eben dazugehört“ nenne ich das schlicht Zeitverschwendung. Wir reden natürlich nicht von notwendigen Dingen wie etwa das Auto zu tanken, wenn ich damit fahren will.

Es geht um die Forderung, sich konsequent an den vorgegebenen Ablauf etablierter Rituale zu halten. Um mit meiner Familie, als Atheist, Weihnachten feiern zu können, muss ich nicht in die Kirche gehen oder eine Krippe aufstellen. Ich muss mich nicht einmal dazu entscheiden dies ende Dezember zu tun. Wenn ich möchte, darf ich mir im Mai eine Tanne ins Wohnzimmer stellen und bunte Kugel daran hängen. Um für meine Kinder zu Ostern Schokoladeneier zu verstecken, muss ich mir nicht die Geschichte eines Zombies anhören. Zu meiner Hochzeit darf ich ein pompöses weißes Kleid tragen und das Wort „Gott“ in der Ansprache verbieten, ich darf mich auch in New York in einer Feuerwache von einem älteren Herren trauen lassen der genau die Worte sagt, die ich mir wünsche und das formelle dann hinterher erledigen. Wir alle dürfen das, wir alle haben ein Recht darauf uns die Details aus bereits bestehenden Ritualen herauszupicken und so abzuändern, wie es uns am besten gefällt. Wem sollte das auch schaden, wenn ich mich nicht in eine Schublade stecken lasse? Als Rockfan darf mir auch eine Operette gefallen und es soll Leute geben, die BILD lesen und trotzdem ein Jurastudium erfolgreich abschließen.

Sich an eine klare Linie zu halten und nach dem Prinzip „alles oder nichts“ zu leben ist bloße Einschränkung. Wenn ich mich aus ethischen Gründen dazu entscheide kein Fleisch mehr zu konsumieren, hat es keine Konsequenzen, wenn ich auf dem Sommerfest trotzdem den Nudelsalat mit Fleischwurststückchen esse. Mal davon abgesehen, dass nicht der Verzehr ausschlaggebend ist, sondern die wirtschaftliche Nachfrage, bringt mich das nicht automatisch von meinem Weg ab, auf Nachhaltigkeit zu achten. Das geht natürlich noch weiter, indem man auch keine Lederschuhe mehr tragen DARF, von Kosmetika für die Tierversuche stattgefunden haben ganz zu schweigen. Nun liebe Veganer, DARF ich wohl! Ich entscheide mich zwar dagegen, weil ich mit meinem Geld bevorzugt Produkte erwerbe, die so wenig Leid wie möglich verursachen, aber euer Spiel „vegan, veganer am vegansten“ spiele ich nicht mit. Wer dazugehören will muss sich an die Regeln halten, gilt nicht mehr.

Dass wir genetisch darauf getrimmt sind uns einer Gruppe anzuschließen, ist weitestgehend bekannt. Die daraus resultierende Nächstenliebe und der Fernstenhass haben ebenfalls einen wichtigen Beitrag zum Fortbestehen der Menschheit geleistet. Auch heute noch ist es durchaus erstrebenswert, ein geschätzter Teil einer Gemeinschaft zu sein. Allerdings sind hier Gemeinschaften zu bevorzugen die Individualität fordern, fördern und effektiv einsetzen, anstatt sie zu unterbinden und blindes Folgen verlangen. Sich gemeinsam für eine Sache einzusetzen verspricht deutlich höhere Erfolgschancen, als sein eigenes Süppchen zu kochen. Sich einer Aufgabe zu widmen, welches das echte Wohl Anderer zum Ziel hat, ist der empfehlenswerteste Weg zum eigenen Glück.

Muss ich mich aber einer Sache immer ganz hingeben? Ich denke nicht. Die Straight Edge-Bewegung fordert beispielsweise, auf One-Night-Stands zu verzichten. Der Beweggrund dies zu tun, nämlich dem Anderen eine mögliche emotionale Enttäuschung ersparen zu wollen, ist sicher gut gemeint, spricht aber nicht nur meinem Gegenüber jegliche Eigenverantwortung ab, sondern lässt auch schlussfolgern, dass ich nicht in der Lage bin, die Karten auf den Tisch zu legen. Jede Situation ist einmalig, wir leben unser Leben nur lebenslänglich. Um die für sich beste Entscheidung treffen zu können, sollte man sich auch eine Wahl lassen und nicht bereits im Vorfeld gegen mögliche Verläufe sperren. Ich sage nicht, dass jeder auf Teufel komm raus mitnehmen soll was er kriegen kann, sondern dass man durch selbst auferlegte moralische Dogmen Momente verpassen kann die einen schlicht glücklich machen. Was sonst könnte der Sinn des Lebens sein als glücklich zu sein und andere glücklich zu machen?

Die Wahrscheinlichkeit, dass wir nach unserem Tod eine angemessene Entschädigung erhalten werden, dass wir auf Freude verzichtet haben, ist doch verschwindend gering. Also picken wir die Rosinen heraus und lassen den trockenen Kuchen einfach liegen.

Dieser Essay kann im Blog kommentiert und diskutiert werden.

© Jeanny Passauer

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